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Organspende & Organspender


Information zur Anhörung der Enquete-Kommission 'Ethik und Recht der modernen Medizin' zum Thema "Organisation der postmortalen Organspende in Deutschland" am 14.03.2005

Hamburg, den 06.03.2005

Kritik an der Aufklärung der potentiellen Organ- bzw. Lebendspender

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Komplikationen einer Lebendorganspende werden von den Transplantationszentren nicht an die Deutsche Stiftung Organtansplantation (DSO) gemeldet, obwohl dies in einem Vertrag vereinbart wurde. Daten über Komplikations- und Todesraten für die Lebendorganspende liegen der DSO nicht vor (siehe unten). Aus diesem Grund kommt die DSO seit Jahren ihrer Verpflichtung nicht nach, diese Daten im "Tätigkeitsbericht der Transplantationszentren" zu veröffentlichen.

Aber auch in Fachliteratur werden Komplikations- und Todesraten der Lebendorganspende geschönt und sogar verschwiegen. Damit ist die im Transplantationsgesetz (TPG) vorgeschriebene Zulässigkeit der Organentnahme bei lebenden Personen (§8 TPG) nicht mehr gewährleistet, da Organspender durch einen Arzt über "mögliche, auch mittelbare Folgen und Spätfolgen der beabsichtigten Organentnahme für seine Gesundheit sowie über die zu erwartende Erfolgsaussicht der Organübertragung und sonstige Umstände, denen er erkennbar eine Bedeutung für die Organspende beimisst" aufgeklärt werden müssen. Diese Aufklärung durch Ärzte ist nicht möglich, wenn die entsprechenden Daten nicht vorliegen!

Die Spitzenverbände der Krankenkassen, die Bundesärztekammer und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben gemeinsam mit der DSO als Koordinierungsstelle durch Vertrag die Aufgaben der Koordinierungsstelle mit Wirkung für die Transplantationszentren und die anderen Krankenhäuser geregelt. Der Vertrag schreibt vor (§ 6), dass die DSO als Koordinierungsstelle jährlich zum 30.04. einen Tätigkeitsbericht der Transplantationszentren veröffentlicht.

Bezüglich der Lebendspender muss der Bericht "die Nachbetreuung der Lebendspender und die Dokumentation ihrer durch die Organspende bedingten gesundheitlichen Risiken" enthalten, sowie die "durchgeführten Maßnahmen zur Qualitätssicherung."

Die Bundesärztekammer hat eine Richtlinie zur Qualitätssicherung verfasst und laut Beschluss des Vorstandes der Bundesärztekammer vom 20. April 2001 sind alle Transplantationszentren dazu verpflichtet, an Maßnahmen zur Qualitätssicherung teilzunehmen.

Die Nichtteilnahme an der Qualitätssicherung kann Rechtsfolgen nach sich ziehen und die wiederholte unvollständige oder mangelhafte Datenlieferung kann eine Begehung des Transplantationszentrums zur Folge haben.

Jedoch enthält kein Bericht der DSO die geforderten Daten, obwohl sie vorliegen und nachdenklich machen sollten.

In einer Facharbeit von 1997 schwankten die Angaben über "gravierende" Komplikationen für die Lebendspender zwischen 5 und 20 % und zwischen 5 und 50% für leichtere Folgen.1 Prof. Friedrich Wilhelm Eigler, ehem. Direktor der Abteilung für Allgemeine Chirurgie des Universitäts-klinikums Essen, kritisierte außerdem, dass Todesfälle von Lebendspendern in der Fachliteratur ver-schwiegen wurden.2

Der Mangel an entsprechenden Daten wurde auch von Prof. Thomas Gutmann und Prof. Ulrich Schroth bestätigt. Sie zitieren in ihrem Buch "Organlebendspende in Europa" das American Society of Transplant Surgeons Ethics Committee und schrieben 2001, "daß das Risiko des Spenders bei der Lebend-Leberspende zugunsten erwachsener Empfänger mangels ausreichender Daten zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht hinreichend bestimmt werden kann."3

"Zu viel, zu früh" lautete folgerichtig eine Warnung von Hepatologen und Medizinethiker der Universität Chicago im New England Journal of Medicine von 2001. Sie kritisierten die Praxis der Leberlebendspende.

Auch Professor Günter Kirste, Vorstand der DSO, bestätigt mit einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2002, dass es möglicherweise eine "Grauzone" von nicht Veröffentlichten Komplikationen der Lebendorganspende gibt. Professor Günter Kirste:

"In vielen Publikationen werden die Mortalitätsraten mit 0,03% und die Morbiditätsraten mit 0,1% angegeben [1, 2]. Diese Zahlen beruhen allerdings auf alten Daten. Es ist derzeit nicht bekannt, ob die von einigen erfahrenen Zentren publizierten wesentlichen geringeren Raten an Morbidität und Mortalität repräsentativ sind [3, 4] oder ob es durch die stärkere Verbreitung des Verfahrens eine Grauzone von nicht berichteten schweren Komplikationen oder Todesfällen gibt."4

Todesraten beim Lebendspender schwanken in der Fachliteratur zwischen 0,03 % 5 und 5%6 (!)

Ich fragte bei der DSO nach, welcher Grund vorliegt, dass die DSO die Komplikations- und Todesraten entgegen der Vereinbarung nicht veröffentlicht.

Die Antwort der DSO vom 15.05.2003:

"Es handelt sich hierbei um Daten der Transplantationszentren, auf die prinzipiell niemand Zugriff hat. In anonymisierter und aggregierter Form kann eine Qualitätssicherungsinstitution, z. B. das Bundeskuratorium Qualitätssicherung (BQS) derartige Daten auswerten, was z.Zt. jedoch nicht geschieht."

"Der DSO liegen keine Daten über Komplikationsraten für die Lebendorganspende vor."

"Der DSO liegen keine Daten über Todesraten für die Lebendorganspende vor."7

So verwundert es nicht, dass im Juni 2003 das Bayrische Fernsehen über zwei Lebendspender berichtete, die im Klinikum der Universität Jena verstorben sind und deren Tod nicht veröffentlicht wurde.

Fazit: Auswertbare Daten über Komplikationen der Lebendorganspende liegen nicht vor! Potentielle Lebendspender können nicht über Risiken aufgeklärt werden, wenn keine Daten vorliegen und die Basis zur Entscheidung fehlt. Bevor es zu einer Ausweitung der Lebendorganspende in Deutschland kommt, sollten die zuständigen Stellen sich an Verträge halten, alle zur Beurteilung der Lebendorganspende notwendigen Daten sammeln und auch veröffentlichen. Erst danach kann über die Ausweitung, aber auch die mögliche Einschränkung der Lebendorganspende entschieden werden.

INFORMATIONSSTELLE
Transplantation und Organspende
Roberto Rotondo
www.transplantation-Information.de

Fußnoten:

1. Prof. Friedrich Wilhelm Eigler. Das Problem der Organspende vom Lebenden. Dtsch. med. Wschr. 122 (1997), S. 1398 ff.
2. Prof. Friedrich Wilhelm Eigler. Das Problem der Organspende vom Lebenden. Dtsch. med. Wschr. 122 (1997), S. 1399.
3. Prof. Thomas Gutmann & Prof. Ulrich Schroth. Organlebendspende in Europa (2001), S. 93.
4. Prof. Günter Kirste. Zum Stand der Lebendorganspende. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2002, S. 768
5. Prof. Günter Kirste. Zum Stand der Lebendorganspende. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2002, S. 768
6. Prof. Christoph Broelsch u.a. Living donor liver transplantation in adults. European Journal of Gastroenterology & Hepatology 2003, Vol 15 No 1, S. 4
7. BR Stationen. Riskante Spende. 24.06.2003


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update: 07.03.2005    by: Roberto Rotondo